Sonnengöttinnen: Sól, Amaterasu und Saulė
25. Oktober 2026

Im Deutschen ist die Sonne weiblich, und in mehreren alten Überlieferungen ist sie auch eine Göttin. In der Prosa-Edda des Snorri Sturluson hat Mundilfari zwei so schöne Kinder, dass er den Sohn Mond und die Tochter Sonne nennt: Sól. Die erzürnten Götter setzen beide an den Himmel, und Sól muss die Pferde Árvakr und Alsviðr lenken, die den Sonnenwagen ziehen. Ein Wolf namens Sköll jagt ihr nach und wird sie eines Tages einholen. Doch die Lieder-Edda verheißt, dass sie zuvor eine Tochter gebiert, die die Bahnen ihrer Mutter fährt, wenn die Götter tot sind.
Amaterasu in der japanischen Mythologie
In Japan erzählt das Kojiki, vollendet im Jahr 712, von der Sonnengöttin Amaterasu. Ihr Name bedeutet „am Himmel scheinend“. Sie entsteht, als der Gott Izanagi sein linkes Auge wäscht, und er überträgt ihr die Herrschaft über die Hohe Himmelsebene. Als eine Untat ihres Bruders sie in Schrecken versetzt, verschließt sie sich in der himmlischen Felsenwohnung. Da verdunkeln sich die Himmelsebene und das Land darunter, und ewige Nacht herrscht. Erst als die Götter draußen lachen und ihr einen Spiegel vorhalten, kommt sie nach und nach wieder hervor.
Saulė und die Sonnengöttin von Arinna
Forschungsüberblicke nennen zwei weitere Sonnengöttinnen. Im Baltikum ist es Saulė im Litauischen und Saule im Lettischen, deren Name zugleich das gewöhnliche Wort für die Sonne ist; Volkslieder zeigen sie, wie sie in vergoldeten Schuhen auf einem silbernen Hügel tanzt. Bei den Hethitern war die Sonnengöttin von Arinna die oberste Göttin, die das Reich beschützte und „Königin aller Länder“ genannt wurde.
Sól, ihre Pferde und die Sonnentochter
Snorris Erzählung unterscheidet das Sonnenlicht von der Gestalt, die seine Bahn lenkt. Die Götter schaffen das Sonnengefährt aus Funken von Muspelheim und lassen Sól die Pferde führen. Unter den Pferden bringen sie Vorrichtungen zur Kühlung an, die Anderson als Windbeutel übersetzt. Licht, Hitze und Bewegung erhalten hier eine Ordnung; die Göttin ist nicht einfach mit dem glühenden Himmelskörper gleichgesetzt. Heute lässt sich darin auch die Aufgabe erkennen, einen Lauf aufrechtzuerhalten: Tageslicht setzt eine Reise voraus, die weitergehen muss. Das ist eine moderne Lesart.
Grímnismál macht die Gefahr dieses Lichts besonders anschaulich. Nach den Pferden nennt das Gedicht den Schild Svalinn vor der Sonne. Fiele er weg, würden Berge und Meer verbrennen. Die Kraft der Sonne braucht in diesem Bild also Schutz und Maß, nicht nur Bewunderung. Das ist poetische Vorstellung, keine naturwissenschaftliche Erklärung der Sonnenhitze. Neben einer heutigen Sonnengöttin gelesen, eröffnet sie ein vielschichtigeres Verständnis von Licht: Es schenkt Leben und ist zugleich so mächtig, dass es einer Grenze bedarf. Dieser letzte Vergleich ist eine gegenwärtige Interpretation.
Auch die Weissagung von der Sonnentochter verdient einen eigenen Blick. Vafþrúðnismál nennt die Sonne in der Antwort über ihre Nachfolgerin Álfröðull. Sie gebiert eine Tochter, bevor Fenrir sie ergreift. Nach dem Tod der Götter folgt die Tochter den Bahnen ihrer Mutter. Hier heißt der Wolf Fenrir; Snorris frühere Erzählung von der Verfolgung nennt Sköll. Wer die Zeugnisse auseinanderhält, bewahrt die Eigenheiten beider Texte. Eine heutige Lesart kann in der weitergeführten Bahn Fortdauer erkennen, ohne die unterschiedlichen Angaben zum Wolf gleichzumachen.
Amaterasu und die Rückkehr des Lichts
Im Kojiki wirken an der Rückkehr des Lichts eine ganze Versammlung und eigens hergestellte Dinge mit. Die Gottheiten lassen einen Spiegel und eine Kette gebogener Schmucksteine fertigen, ordnen Opfergaben an einem Baum an und bereiten einen Auftritt vor. Die tanzende Gottheit bringt die Versammlung zum Lachen. Neugierig nähert sich Amaterasu dem Eingang, wo ihr der Spiegel gezeigt wird. Eine weitere Gottheit zieht sie heraus; ein Seil begrenzt den Weg zurück. Heute kann man darin neben göttlicher Gegenwart auch das Zusammenspiel von Handwerk, Aufmerksamkeit und gemeinsamem Handeln lesen.
Amaterasus Spiegel, Verehrung und Kunst
Der Spiegel gehört außerdem zu einer lebendigen religiösen Überlieferung. Ise Jingu beschreibt Naiku als Heiligtum der Amaterasu-Omikami und den im inneren Hauptheiligtum aufbewahrten Heiligen Spiegel als ihr Symbol. Das ist die Selbstdarstellung dieses Kultes, kein historischer Nachweis für das Geschehen im Kojiki. Sie gibt dem Gegenstand der Erzählung einen konkreten religiösen Zusammenhang. Der Vergleich bleibt begrenzt: Weder der Spiegel noch die Riten von Ise werden damit zu Merkmalen von RHEAsilvias Skulptur erklärt.
Auch spätere Kunst wählt einzelne Momente aus diesen Erzählungen. Das Metropolitan Museum of Art bewahrt ein Paar Hängerollen von Kōno Bairei aus dem späten 19. Jahrhundert, das die Höhlenszene mit dem endgültigen Tod des Buddha zusammenführt. Das ist eine bestimmte spätere künstlerische Gegenüberstellung, kein Beleg für eine gemeinsame Lehre aller Sonnengöttinnen. Dieselbe Sorgfalt gilt hier: Licht, Rückzug und Wiederkehr an einer heutigen Keramikfigur zu lesen, ist eine moderne künstlerische Interpretation. Sie eröffnet ein Gespräch mit mehreren Traditionen und lässt deren Namen, heilige Gegenstände und Erzählungen dennoch unterscheidbar.
Häufige Fragen
Wer ist die Sonnengöttin?
Nicht eine einzelne Gestalt: Mehrere Überlieferungen kennen eine weibliche Gottheit der Sonne. Dazu gehören Sól in der nordischen Mythologie, Amaterasu in Japan, Saulė im Baltikum und die Sonnengöttin von Arinna bei den Hethitern.
Wer ist die japanische Göttin der Sonne?
Amaterasu, auch Ama-terasu-oho-mi-kami genannt. Amaterasu bedeutet „am Himmel scheinend“. Das Kojiki aus dem Jahr 712 erzählt, wie sie aus dem linken Auge des Gottes Izanagi entstand und wie die Welt dunkel wurde, als sie sich in einer Felsenwohnung verbarg.
Wer ist Sól?
Die Sonne der nordischen Mythologie. In der Prosa-Edda ist Sól die Tochter des Mundilfari; die Götter setzen sie an den Himmel, damit sie die Pferde der Sonne lenkt, und der Wolf Sköll verfolgt sie. Nach dem Lied Vafþrúðnismál wird sie eine Tochter gebären, die nach dem Tod der Götter die Bahnen ihrer Mutter fährt.
Wer ist Sóls Tochter?
Nach Vafþrúðnismál gebiert die Sonne eine Tochter, bevor Fenrir sie ergreift. Nach dem Tod der Götter folgt diese den Bahnen ihrer Mutter. Einen eigenen Namen nennt die Strophe nicht. Álfröðull bezeichnet in dieser Passage die Mutter.
Wozu braucht die nordische Sonne einen Schild?
In Grímnismál steht Svalinn vor der Sonne. Fiele er weg, würden Berge und Meer verbrennen. Das Bild zeigt eine überwältigende Hitze, die begrenzt werden muss. Es gehört zur Weltvorstellung des Gedichts, nicht zur heutigen Astronomie.
Warum gehört ein Spiegel zu Amaterasu?
In der Höhlenerzählung des Kojiki lassen die Gottheiten einen Spiegel fertigen und zeigen ihn Amaterasu, um sie herauszulocken. Ise Jingu bezeichnet außerdem den Heiligen Spiegel in Naiku als ihr Symbol. Erzählung und Selbstdarstellung des Heiligtums sind miteinander verbunden, erfüllen aber unterschiedliche Aufgaben.
Zur Skulptur: Sonnengöttin
Quellen
- Snorri Sturluson, Prosa-Edda: Gylfaginning, §§ 11–12, übers. R. B. Anderson, Ausgabe 1901 (Project Gutenberg, englisch)
- Lieder-Edda, Vafþrúðnismál, Strophe 47, übers. H. A. Bellows, 1923 (Wikisource, englisch)/Vafthruthnismol)
- Kojiki, übers. B. H. Chamberlain, 1882, Abschnitt X: Geburt der Sonnengöttin (Wikisource, englisch)/Section_10)
- Kojiki, übers. B. H. Chamberlain, 1882, Abschnitt XI: Herrschaft über die Himmelsebene (Wikisource, englisch)/Section_11)
- Kojiki, übers. B. H. Chamberlain, 1882, Abschnitte XV–XVI: die Untaten des Bruders und die himmlische Felsenwohnung (Wikisource, englisch)/Section_16)
- Kojiki, übers. B. H. Chamberlain, 1882, Einleitung: Datierung und Sonnengöttin (Wikisource, englisch)/Introduction)
- Saulė, baltische Sonnengöttin (Wikipedia, englisch)
- Sonnengöttin von Arinna (Wikipedia, englisch)
- Duden: Sonne, die
- Angaben zur Skulptur: atelier RHEAsilvia
- Lieder-Edda, Grímnismál 37–38, übersetzt von Henry Adams Bellows, 1923: Pferde, Kühlung und der Schild Svalinn/Grimnismol)
- Ise Jingu, About Ise Jingu, Naiku und Shogu: Amaterasu-Omikami und der Heilige Spiegel
- Metropolitan Museum of Art, Kōno Bairei, Luring the Sun Goddess Amaterasu Out of a Cave with Music; Death of the Historical Buddha, spätes 19. Jahrhundert