Minoische Schlangengöttin: Fund und Deutung
25. Oktober 2026

1903 stießen die Ausgräber von Arthur Evans im Palast von Knossos auf Kreta auf eine Gruppe mit Stein ausgekleideter, mit Deckeln verschlossener Gruben. Evans nannte sie die Temple Repositories, die Tempeldepots. Zwischen zerbrochenen Gegenständen aus Fayence, Gold und Elfenbein lagen die Bruchstücke weiblicher Figuren, die mit Schlangen umgehen. Zwei davon wurden restauriert und stehen heute im Archäologischen Museum Heraklion. Sie stammen aus der Zeit um 1600 v. Chr.
Die Fayencefiguren von Knossos
Die Figuren bestehen aus Fayence, einer Masse aus zerstoßenem Quarz, die beim Brennen eine glänzende, glasartige Oberfläche bekommt. Die größere ist in restauriertem Zustand etwa 34 Zentimeter hoch; Schlangen winden sich über ihre Arme bis zu ihrer hohen Krone. Die kleinere Figur ist restauriert etwa 29 Zentimeter hoch und hält Gegenstände, die Evans als Schlangen deutete. Vieles, was wir heute sehen, ist ergänzt: Der größeren Figur fehlten der Körper unterhalb der Taille und ein Arm, der kleineren der Kopf und ein Teil des linken Arms. Der dänische Künstler Halvor Bagge hat die Figuren gemeinsam mit Evans restauriert.
Schlangengöttin oder Priesterin?
Evans nannte die größere Figur Schlangengöttin, die kleinere Schlangenpriesterin. Bis heute ist umstritten, ob sie Göttinnen oder Priesterinnen zeigen. Was die Schlangengöttin den Menschen bedeutete, die sie schufen, ist, so Senta German auf Smarthistory, bis heute nur wenig verstanden. Ihr Ruhm hatte auch eine Schattenseite: Er zog schon bald Fälschungen nach sich. Eine Elfenbeinfigur mit goldenen Schlangen kam 1914 ins Museum of Fine Arts in Boston. Eine Rezension von Kenneth Lapatins Buch von 2002 bezeichnet sie als sehr wahrscheinliche Fälschung.
Schon der vertraute Titel enthält eine Deutung. In seinem Grabungsbericht von 1903 spricht Evans von einer Schlangengöttin und ihren Verehrerinnen. Diese Bezeichnungen halten die religiösen Rollen fest, die der Ausgräber vermutete. Sie sind keine Namen aus einer lesbaren minoischen Weihinschrift. Sein Bericht ist deshalb eine Primärquelle für die Entdeckung und ihre Deutung. Er muss anders gelesen werden als ein minoischer Text, der die Figur selbst erklären würde. Der moderne Name bleibt brauchbar, solange sein Charakter als Zuschreibung erkennbar ist.
Rituale in minoischen Palästen
Der Fundort gehört in einen größeren Zusammenhang von Palastritualen. Das Metropolitan Museum beschreibt die minoischen Paläste als Zentren politischer und wirtschaftlicher Macht und künstlerischer Arbeit; archäologische Befunde weisen auch auf rituelle Aufgaben hin. Schrift begegnet auf Verwaltungstäfelchen, aber ebenso auf Ritualgegenständen wie steinernen Libationstischen und kleinen Doppeläxten. Dieser Zusammenhang hilft, die Schlangenfiguren nicht als losgelöste Sinnbilder zu betrachten. Ihre Herstellung gehörte zu Einrichtungen, Handwerken und Praktiken, von denen mehr erhalten ist als ein einzelnes weibliches Bild.
Die Katze und der ergänzte Kopfschmuck
Bei der kleinen Raubkatze über dem Kopf der kleineren Figur ist besondere Vorsicht nötig. Senta German erläutert, dass Kopfbedeckung und Katze als einzelne Stücke im Depot lagen. Evans und Bagge setzten sie auf den ergänzten Kopf. Der gemeinsame Fundort belegt weder ihre ursprüngliche Anordnung noch sicher eine antike Katzenkrone. Die ergänzte Zusammenstellung gehört auch zur späteren Wahrnehmung des Bildes.
Syrische Einflüsse auf minoische Kunst
Ein anderer Forschungsansatz fragt nach der Herkunft der erhaltenen Motive. Emily Miller Bonney untersucht die ursprünglichen Fragmente neu und argumentiert, Kleidung, Haartracht und Gesten griffen syrische Bildtraditionen auf. Sie verbindet diese Übernahme mit den Eliten von Knossos und deren Zugang zu fernem Wissen und Handel. Das ist eine moderne wissenschaftliche These, keine wiedergewonnene minoische Erklärung. Hier erweitert sie den Vergleich über Kreta hinaus. Die vorgeschlagene gesellschaftliche Bedeutung bleibt dabei ausdrücklich an ihre Autorin gebunden.
Häufige Fragen
Sind Minoer Griechen?
Der Sprache nach wohl nicht. Ihre Schrift, Linear A, ist bis heute nicht entziffert, und ihre Sprache gilt als verschieden vom frühen Griechisch. Die Mykener schrieben eine frühe Form des Griechischen in Linear B, einer aus Linear A entwickelten Schrift. Eine DNA-Studie in der Zeitschrift Nature kam 2017 zu dem Ergebnis, dass Minoer und Mykener sehr eng miteinander verwandt waren und dass die heutigen Griechen den Mykenern genetisch nahestehen.
Welche Bedeutung hat die Schlange in der Mythologie?
Das hängt von der Kultur ab. Für die minoische Religion zitieren Überblicksdarstellungen den Religionshistoriker Martin P. Nilsson: Die Schlange sei die Beschützerin des Hauses gewesen. In Athen erzählte man nach Herodot, dass eine große Schlange im heiligen Bezirk lebe und die Akropolis bewache; jeden Monat bekam sie einen Honigkuchen. Dass die Schlange für Erneuerung steht, weil sie ihre Haut abstreift, ist die Deutung dieser Skulptur, nicht die eines minoischen Textes.
Ist die minoische Schlangengöttin wirklich eine Göttin?
Sicher weiß das niemand. Arthur Evans nannte die größere Figur Schlangengöttin und die kleinere Schlangenpriesterin. Seither wird diskutiert, ob beide Priesterinnen zeigen, dieselbe Göttin oder zwei verschiedene Gottheiten. Minoische Texte helfen nicht weiter, denn die Schrift Linear A ist nicht entziffert.
Wer hat die Schlangengöttin gefunden?
Die Ausgräber von Arthur Evans fanden die Figuren 1903 im Palast von Knossos auf Kreta, in steinernen Gruben, die Evans Temple Repositories nannte. Heute stehen sie im Archäologischen Museum Heraklion.
Hat die minoische Schlangengöttin einen überlieferten Eigennamen?
Die hier verwendete Bezeichnung geht auf Evans’ Bestimmung der Figuren zurück. Sein Grabungsbericht spricht von einer Göttin und ihren Verehrerinnen. Eine lesbare minoische Inschrift, die diese Figur benennt, führt er nicht an. Schlangengöttin ist auf dieser Seite deshalb ein beschreibender moderner Titel und kein wiedergewonnener Eigenname.
Ist die Katze auf der kleineren Figur aus Knossos ursprünglich?
Die Katze wurde als einzelnes Stück im Depot gefunden. Dass sie auf dem ergänzten Kopf der Figur sitzt, gehört zur Restaurierung durch Evans und Bagge. Das erhaltene Fundstück belegt keine unversehrt überlieferte antike Komposition.
Zur Skulptur: Schlangengöttin
Quellen
- Emily Miller Bonney, Disarming the Snake Goddess (2011, englisch)
- Senta German, Snake Goddess (Smarthistory, über LibreTexts, englisch)
- Minoische Schlangengöttinnen: Fund, Datierung, Restaurierung, Deutungen und Fälschungen (Wikipedia, englisch)
- Rezension zu Kenneth Lapatin, Mysteries of the Snake Goddess (2002), Bryn Mawr Classical Review 2003.02.36 (englisch)
- Herodot, Historien 8.41: die Schlange der Akropolis, Übersetzung A. D. Godley (Perseus Digital Library, englisch)
- Linear A: die unentzifferte minoische Schrift (Wikipedia, englisch)
- Max-Planck-Gesellschaft, Ancient DNA reveals origins of the Minoans and Mycenaeans (2017), zu Lazaridis u. a., Nature 548 (englisch)
- Angaben zur Skulptur: atelier RHEAsilvia
- Arthur J. Evans, Grabungsbericht zu Knossos für 1903 (englischer Volltext)
- Colette Hemingway und Seán Hemingway, Minoisches Kreta, Metropolitan Museum of Art (englisch)