Noricum, Ostalpen der römischen Zeit
Noreia
Handaufgebaute Keramik
Noreia begegnet uns am deutlichsten durch Menschen, die sie beim Namen anriefen. Ein vom kärnten.museum veröffentlichter Votivaltar aus Hohenstein beginnt mit einer Weihung an Isis Noreia. Er hält die Erfüllung eines Gelübdes für das Wohlergehen mehrerer Männer aus der Eisenverwaltung fest. Das ist ein Zeugnis ihrer Verehrung, keine Episode aus einer überlieferten göttlichen Lebensgeschichte. Die Göttin erhält dadurch einen Platz in den beruflichen und religiösen Beziehungen des römischen Noricum. Die Inschrift eröffnet eine andere Begegnung als die vertraute Erzählung von Geburt, Ehe oder Abenteuern einer Göttin.
Ihr Name steht neben Noricum und der antiken Stadt Noreia. Eine griffige Übersetzung darf die Belege aber nicht ersetzen. Marjeta Šašel Kos hebt in ihrer Studie Noreia: an Unsolved Enigma die Schwierigkeiten hervor, den Ort zu lokalisieren. Strabons Geografie, Buch 5, Kapitel 1, Abschnitt 8, nennt Noreia beim Schauplatz von Carbos Zusammenstoß mit den Kimbern und erwähnt Goldwäsche sowie Eisenverarbeitung in der Region. Er spricht von einem Ort. Die Passage erklärt weder den Göttinnennamen noch, ob eine Stadt nach einer Göttin benannt wurde oder umgekehrt.
Auf dieser Seite bleibt Noreia ein belegter Eigenname, ohne vermeintlich sichere Übersetzung in ein alltägliches Wort. Das Verhältnis zwischen Orts- und Götternamen lädt zu Fragen nach Zugehörigkeit ein, beantwortet sie aber nicht allein. Diese Unterscheidung folgt aus den verschiedenen Zeugnissen: Strabon bietet eine geografische Darstellung, der Altar eine religiöse Anrede. Man kann beide nebeneinanderlesen, ohne das eine die Aussage des anderen übernehmen zu lassen. Auch der vertraute Klang des Namens lässt offen, wie die Menschen, die ihn verwendeten, seine Bedeutung verstanden.
Der lateinische Text des Hohensteiner Altars lohnt eine langsame Lektüre. Isidi Norei(ae) am Anfang nennt die Empfängerin. Die aufgelöste Formel v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito) hält fest, dass ein Gelübde gern und nach Verdienst erfüllt wurde. Pro salute bezeichnet das Wohlergehen genannter Personen als Anliegen. Diese knappen Formeln unterscheiden Empfängerin, religiöse Handlung und Begünstigte. Den ursprünglichen Anlass des Versprechens nennen sie nicht; auch ein Heilungswunder wird nicht beschrieben. Der Stein erinnert an einen Akt, der Schutz betrifft, während das dahinterliegende Ereignis unbestimmt bleibt.
Die Namen bewahren neben einer religiösen auch eine soziale Verbindung. Quintus Septueius Valens ist der Stifter; Quintus Septueius Clemens, Tiberius Claudius Heracla und Gnaeus Octavius Secundus werden als Begünstigte genannt. Die Inschrift verbindet sie durch die Amtsbezeichnungen conductor und procurator mit den Eisenbetrieben Noricums, Pannoniens und Dalmatiens. Sie belegt damit einen Zusammenhang zwischen dieser Weihung und der Eisenverwaltung. Dafür braucht es weder erfundene Bergmannsrituale noch ein der Göttin zugewiesenes Werkzeug. Das menschliche Beziehungsnetz ist auch ohne begleitenden Mythos ein gehaltvolles Zeugnis.
Die genannten Personen sind außerdem von allen Menschen zu unterscheiden, die vor dem Altar gestanden haben könnten. Die Inschrift hält bestimmte Männer, ihre Ämter und ein Gelübde fest; sie ist keine vollständige Anwesenheitsliste des Heiligtums. Eine redaktionelle Lesart kann institutionelle Beziehungen ernst nehmen, ohne darin sämtliche Erfahrungen der Verehrung aufgehen zu lassen. Das ist wichtig, wenn aus erhaltenen Namen das heutige Bild einer Göttin entsteht. Der Altar erlaubt die Aussage, dass diese Personen Isis Noreia ehrten. Sprache, Herkunft und persönliches Verständnis jedes einzelnen Besuchers lassen sich daraus nicht erschließen.
Der Doppelname Isis Noreia ist zentral, doch seine Bedeutung verlangt Genauigkeit. Peter Scherrers archäologischer Überblick verortet das Hohensteiner Heiligtum bei Pulst im Kärntner Glantal und behandelt seine römische Baugeschichte. Er schlägt vor, Noreia könne als römische Personifikation der Provinz entstanden sein, statt lediglich eine alte Muttergöttin fortzuführen. Das ist eine wissenschaftliche These, kein zusätzlicher Satz auf dem Altar. Wer sie als Vorschlag erkennbar lässt, unterscheidet einen belegten Götternamen von der Erklärung dafür, weshalb dieser unter römischer Herrschaft Bedeutung gewann.
Die Kontroverse ist damit nicht abgeschlossen. In ihrer Rezension von Csaba Szabós Roman Religion in the Danubian Provinces hinterfragt Tünde Vágási eine zu pauschale Deutung als Provinzgöttin und verweist auf die örtliche Konzentration der Belege um Virunum und Celeia. Zusammengenommen mahnen diese Beiträge zur Vorsicht: Noreia als Göttin Noricums zu bezeichnen, benennt einen historischen Zusammenhang, entscheidet aber nicht über Reichweite und Ursprung ihres Kultes. Die engeren und weiteren Deutungen stellen verschiedene Fragen an das Material. Eine heutige Darstellung sollte diese Debatte zeigen, statt eine Rekonstruktion zur antiken Selbstbeschreibung zu machen.
Ihre Aufnahme in der Kunst hängt eng mit der Benennung antiker Bilder zusammen. Hedwig Kenners Treccani-Eintrag von 1963 identifiziert eine Marmorfigur aus Virunum als Noreia und bespricht Fortuna ähnliche Bildmotive. Scherrers gesonderte Untersuchung zu Götterbildern nennt diese Zuschreibung höchst unsicher und bevorzugt eine Verbindung mit der Stadtgöttin Fortuna. Für die Betrachtung ist gerade der Widerspruch aufschlussreich. Eine Statue kann antik sein, während ihre Benennung eine moderne Zuschreibung bleibt. Wiederholungen in Darstellungen regionaler Kunst machen aus ihr noch kein gesichertes Bildnis Noreias.
Ähnliche Vorsicht gilt bei Heiligtümern. Die Darstellung von ArchaeoRegion zum Frauenberg erklärt, dass dessen Podiumstempel früher mit Isis verbunden und auch eine Beziehung zu Noreia erwogen wurde. Die Kultzeugnisse werden dort zurückhaltender behandelt. Eine Karte früherer Zuschreibungen lässt sich deshalb nicht einfach als Karte bestätigter Noreiatempel übernehmen. Die Geschichte von Entdeckung und Neubewertung gehört zu ihrer modernen Rezeption. Sie bietet zugleich eine praktische Frage für die Prüfung von Behauptungen: Ist der Name tatsächlich auf einer Inschrift vorhanden, oder wurde er durch einen Vergleich ergänzt?
Auch Symbole verlangen diese Aufmerksamkeit. Kenner bespricht einen Globus bei einem Altar und mehrere vorgeschlagene Identifizierungen. Diese ältere Rekonstruktion belegt jedoch nicht zwei Kugeln als allgemeines antikes Attribut Noreias. Für die heutige Skulptur stammt die gesicherte Information aus dem Atelierkatalog: Er beschreibt eine monumentale Figur, die zwei Kugeln hält. Ihre Bedeutung bleibt hier offen. Betrachtende können darin Ausgleich, Beziehung oder den Vorgang des Haltens lesen. Das sind moderne Reaktionen auf die Beschreibung, keine wiedergewonnenen antiken Riten oder unbelegten Erklärungen der Künstlerin.
Silvia Steigers Noreia ist eine moderne Keramikinterpretation einer Göttin, deren Name sicherer überliefert ist als ihr Gesicht. Das Werk ist nach Angaben des Ateliers 130 cm hoch, besteht aus zwei Teilen und wurde zweimal gebrannt. Die beiden Kugeln des Katalogs gehören zu diesem heutigen Werk und seiner künstlerischen Begegnung mit der Göttin. Ein möglicher redaktioneller Zugang sieht im Halten eine Geste der Fürsorge und stellt sie neben die Sorge des Altars um menschliches Wohlergehen. Der Vergleich unterscheidet die antike Weihung von der modernen Skulptur und lässt beide die Aufmerksamkeit füreinander vertiefen.
Die Skulptur
- Höhe
- 130 cm
- Aufbau
- Von Hand aufgebaut, zwei Teile
- Brand
- Zweimal gebrannt
- Material
- Keramik
Mehr dazu im Journal: Keltische Göttinnen: Namen, Mythen, Quellen
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Fragen zu ihr
Wer war Noreia?
Noreia wurde im römischen Noricum als Göttin verehrt. Das bezeugen Weihungen wie der Hohensteiner Altar an Isis Noreia. Ihr genauer Ursprung und die Reichweite ihrer Rolle bleiben umstritten. Die erhaltene Inschrift ist ein belastbarerer Beleg als eine rekonstruierte persönliche Mythologie oder ein vermeintlich sicher zugeordnetes antikes Porträt.
Ist Noreia mit Isis identisch?
Die Hohensteiner Inschrift verbindet die Namen in der Anrede Isis Noreia. Das belegt eine Verbindung in dieser bestimmten Weihung. Daraus folgt nicht, dass die gesamte Mythologie der ägyptischen Göttin auf Noreia übertragen wurde oder alle Verehrenden das Verhältnis gleich verstanden.
Was verbindet Noreia mit Eisen?
Der Altar nennt einen Stifter und Begünstigte aus der Eisenverwaltung. Der Zusammenhang beruht damit auf einem bestimmten religiösen Akt und einem beruflichen Beziehungsnetz. Die Inschrift überliefert weder eine Geschichte von Noreias Entdeckung des Metalls noch Zeremonien sämtlicher Beschäftigten in den Bergwerken.
Was bedeuten Noreias zwei Kugeln?
Die beiden Kugeln sind in der Atelierbeschreibung dieser Skulptur belegt. Eine Bedeutung nennt das Atelier nicht. Mögliche Lesarten werden hier deshalb als heutige Interpretation behandelt. Die Kugeln werden weder als festes antikes Sinnbild Noreias noch als bestimmte Himmelskörper bezeichnet.
Wo lag die Stadt Noreia?
Ihre Lage bleibt eine Forschungsfrage, die Šašel Kos untersucht. Strabon erwähnt den Ort in einer geografischen Passage über den Alpenraum und Carbos Begegnung mit den Kimbern. Dieser Text ist kein Beleg für den Standort eines bestimmten Tempels oder für den Ursprung des Göttinnennamens.
Quellen
- kärnten.museum, Votivaltar Hohenstein, Lap. 104, LUPA 5764: lateinische Inschrift und Museumskommentar
- Strabon, Geografie 5.1.8, übersetzt von H. L. Jones, LacusCurtius: Stadt Noreia, Carbo und Metallverarbeitung, englisch
- Marjeta Šašel Kos, Noreia: an Unsolved Enigma, Arheo 27, 2010, S. 81–90, englische Zusammenfassung S. 87
- Peter Scherrer, Cults and Sanctuaries in Noricum, RGZM-Forschungsprojekt: Hohenstein und umstrittene Provinzpersonifikation, englisch
- Tünde Vágási, Rezension zu Csaba Szabó, Roman Religion in the Danubian Provinces, Historical Studies on Central Europe 3.2, 2023, S. 211–219, englisch
- Hedwig Kenner, Noreia, Enciclopedia dell’Arte Antica, 1963, Treccani: ältere, hier als umstritten behandelte Bildzuschreibungen, italienisch
- Peter Scherrer, Das Bild einheimischer Gottheiten in Noricum, RGZM: umstrittene Benennung der Statue aus Virunum
- ArchaeoRegion Südweststeiermark, Site Frauenberg: archäologische Belege und frühere Isis/Noreia-Zuschreibung, englisch
- Angaben zur Skulptur: atelier RHEAsilvia