Walisische Literatur
Blodeuwedd
Handaufgebaute Keramik
Blodeuwedd entsteht als Lösung für das Problem eines anderen. Im Vierten Zweig des walisischen Mabinogi erschaffen Math und Gwydion eine Frau aus Blüten, damit Lleu Llaw Gyffes trotz eines von seiner Mutter ausgesprochenen Verbots heiraten kann. Später liebt sie Gronw Pebr, beteiligt sich an einem Anschlag auf Lleu und wird in eine Eule verwandelt. Die überlieferte Erzählung verbindet Erschaffung, Begehren, Gewalt und Bestrafung. Sie als Blumengöttin zu bezeichnen, ist eine moderne Deutung: Die Episode schildert eine durch Zauber erschaffene Frau, ohne einen ihr gewidmeten Kult zu beschreiben.
Im Namen bleibt die Bewegung zwischen Blüten und Vogel erhalten. Peter C. Bartrums Welsh Classical Dictionary unterscheidet die ältere Form Blodeuedd, die Blüten als Gesamtheit bezeichnet, von Blodeuwedd, das er mit blumenähnlich wiedergibt. Blumengesicht ist eine weitere geläufige Übertragung von Blodeuwedd. Diese Übersetzungen erläutern einen walisischen Namen; sie sind keine getrennten Titel für unterschiedliche göttliche Aufgaben. Charlotte Guests Übersetzung aus dem 19. Jahrhundert verwendet durchgehend Blodeuwedd. Dadurch können Unterschiede, die in der Diskussion der walisischen Formen sichtbar werden, beim Lesen entgehen. Diese Seite folgt dem Namen der Skulptur.
Die Geschichte gehört zu Math fab Mathonwy, dem Vierten Zweig. In Guests Übersetzung verweigert Arianrhod ihrem Sohn zunächst einen Namen und dann Waffen, sofern sie ihm diese nicht selbst gibt. Gwydion erlangt beides durch Täuschungen. Ihr nächstes Verbot schließt eine Ehefrau aus dem damals auf der Erde lebenden Menschengeschlecht aus. Die Erschaffung einer Frau aus Blüten umgeht diese Einschränkung. Blodeuwedds Auftreten setzt somit einen Streit um Lleus Zukunft fort. Sie tritt in eine Folge magischer Lösungen für ihn ein, statt unabhängig mit einem eigenen Anliegen zu erscheinen.
Guest nennt die Blüten von Eiche, Ginster und Mädesüß. Math und Gwydion erschaffen daraus durch Zauber eine junge Frau, geben ihr einen Namen und arrangieren ihre Ehe mit Lleu. Die drei Pflanzen gehören zu diesem bestimmten Schöpfungsakt. Die Passage erklärt sie nicht als allgemeingültigen Schlüssel für Jungfrau, Mutter und alte Frau. In den Blüten einen schönen, aber gefährdeten Anfang zu sehen, ist eine heutige redaktionelle Lesart der Szene. Sie bewahrt deren literarische Funktion und lässt zugleich Raum für eine gegenwärtige Kunst, die zum Bild eines aus lebendigen Blüten geschaffenen Menschen zurückkehrt.
Die Ehe erhält einen geografischen Rahmen. Math gibt Lleu den Cantref Dinoding; Guest verortet seinen Hof in Mur y Castell und verbindet ihn mit Ardudwy. Gronw stammt aus Penllyn und gelangt nach einer Hirschjagd am Fluss Cynfael, bei Guest Cynvael geschrieben, an den Hof. Das sind Ortsnamen der übersetzten Erzählung, keine Wegweiser zu einem ausgegrabenen Wohnsitz Blodeuwedds. Sie geben der Begegnung einen konkreten Schauplatz: Ein fremder Jäger wird bei einbrechendem Abend aufgenommen. Die Gastfreundschaft ermöglicht eine Beziehung, die das Leben im Haus umstürzt.
Guest beschreibt, wie Blodeuwedd und Gronw sich beim ersten Anblick ineinander verlieben. Sie verbringen Zeit miteinander und überlegen, wie sie dauerhaft zusammenbleiben können. Gronw fordert sie auf, unter dem Vorwand liebevoller Sorge herauszufinden, wie Lleu getötet werden kann. Der Erzähler schildert also gegenseitiges Begehren und eine bewusst geplante Verschwörung. Eine moderne Lesart kann die bei ihrer Erschaffung festgelegte Ehe hinterfragen, ohne den Mordversuch auszublenden. Beides bleibt sichtbar. Blodeuwedd muss deshalb weder zur eindeutigen Bösewichtin noch zu einem völlig unschuldigen Sinnbild der Freiheit werden.
Lleus Verwundbarkeit hängt von genau kombinierten Bedingungen ab. Die Waffe muss über ein Jahr hinweg entstehen, wobei nur während der von Guest beschriebenen sonntäglichen religiösen Handlung daran gearbeitet werden darf. Er kann weder im Haus noch außerhalb, weder zu Pferd noch zu Fuß getötet werden. Er erklärt eine Stellung mit einem Fuß auf dem Rand eines Bades und dem anderen auf einem Ziegenbock unter einer eigens vorbereiteten Überdachung. Blodeuwedd überredet ihn, sie vorzuführen. Gronw trifft ihn aus dem Versteck; Lleu schreit auf und fliegt als Adler davon. Seine Verwandlung beendet seine Geschichte nicht.
Gwydion findet später den leidenden Adler und gibt Lleu seine menschliche Gestalt zurück. Auf die Genesung folgen Verfolgung und Vergeltung. Blodeuwedd flieht mit ihren Frauen. Diese blicken zurück und ertrinken; sie allein entkommt dem Wasser und wird eingeholt. Die Erzählung erklärt den Namen des Sees durch ihren Tod. Bartrum verzeichnet die spätere geografische Zuordnung zu Llyn y Morynion bei Ffestiniog. Eine solche Verbindung gehört zur Aufnahme der Geschichte in die Landschaft. Sie belegt nicht unabhängig, dass das erzählte Geschehen dort stattfand oder dass eine historische Frau zum Vogel wurde.
Gwydion verhängt ausdrücklich die Verwandlung zur Eule. Bei Guest erklärt er, Schlimmeres zu tun, als sie zu töten: Sie muss das Tageslicht meiden, und andere Vögel werden sie angreifen und vertreiben. Anschließend erläutert der Erzähler Blodeuwedd als Wort für Eule. Der Vogel steht hier für Ausschluss und Bestrafung, wie Gwydions Urteil ausdrücklich zeigt. Bartrum merkt außerdem an, dass dieses Eulenwort offenbar nicht mehr gebräuchlich ist. Die Erklärung der Erzählung gehört deshalb in ihren literarischen und historischen Zusammenhang; sie ist keine Aussage über das heutige Alltagswalisisch.
Blüten und Eule markieren zwei Enden einer auferlegten Identität. Das ist eine moderne redaktionelle Deutung der Erschaffungs- und Bestrafungsszenen. Die erste Verwandlung gibt Blodeuwedd für eine Ehe menschliche Gestalt, die zweite nimmt sie ihr nach ihrem Handeln gegen diese Ehe wieder. Eine Skulptur kann beide Bilder miteinander ins Gespräch bringen, ohne die moralischen Schwierigkeiten der Erzählung aufzulösen. Beim Betrachten stellt sich möglicherweise die Frage, wer über ihre Identität bestimmen darf. Diese Frage entsteht aus der heutigen Lektüre. Sie wird nicht als erklärte Absicht des mittelalterlichen Erzählers ausgegeben.
Das spätere Theater zeigt diese Offenheit für Deutungen. Theatr Cymru beschreibt Blodeuwedd in Saunders Lewis’ gleichnamigem Drama als unzufrieden und eingeengt, während Llew sich einen Erben wünscht. Die Produktionsgeschichte nennt Aufführungen 2013 und 2014. Das ist eine belegte moderne dramatische Bearbeitung, kein zusätzliches Kapitel des Mabinogi. Ihre Gewichtung zeigt, wie eine Adaption die schwierige Lage einer Figur hervorheben und zugleich den gefährlichen Plan beibehalten kann. Die literarische Rezeption bildet damit eine Brücke zur Skulptur: Jedes Medium wählt aus, was es aus einer Geschichte unvereinbarer Wünsche sichtbar machen möchte.
Silvia Steigers Blodeuwedd ist eine moderne künstlerische Interpretation aus Keramik. Der Katalog des Ateliers beschreibt eine monumentale Blodeuwedd mit ihrer Eule; die Figur ist mit Keramikblumen bedeckt. Diese belegten Elemente bringen den blütenhaften Anfang und das Ende als Vogel in einem Werk zusammen. Darin ein Nachdenken über zugewiesene Identität und Verwandlung zu sehen, ist der redaktionelle Vorschlag dieser Seite, kein Zitat der Künstlerin. Nach Angaben des Ateliers ist die Skulptur 170 cm hoch, besteht aus drei Teilen und wurde zweimal gebrannt. Ihre Blumen werden hier keinen bestimmten Pflanzenarten zugeordnet.
Die Skulptur
- Höhe
- 170 cm
- Aufbau
- Von Hand aufgebaut, drei Teile
- Brand
- Zweimal gebrannt
- Material
- Keramik
Mehr dazu im Journal: Keltische Göttinnen: Namen, Mythen, Quellen
Eine Göttin nach Hause holen
Jede Göttin existiert genau einmal. Findet sie ihr Zuhause, ist sie fort. Wenn sie Sie anspricht, schreiben Sie uns. Eine Anfrage verpflichtet zu nichts.
Fragen zu ihr
Wer ist Blodeuwedd im Mabinogi?
Sie ist die Frau, die Math und Gwydion im Vierten Zweig aus Blüten als Ehefrau für Lleu Llaw Gyffes erschaffen. Ihre Beziehung mit Gronw Pebr führt zu einem Anschlag auf Lleu und schließlich zu ihrer Verwandlung. Der Text überliefert eine literarische Geschichte. Für die Behauptung eines antiken Göttinnenkultes wären weitere Belege nötig.
Aus welchen Blüten entsteht Blodeuwedd?
Guests Übersetzung nennt Eiche, Ginster und Mädesüß als Bestandteile des Zaubers von Math und Gwydion. Der Text weist den einzelnen Pflanzen keine göttlichen Aufgaben zu. Der Atelierkatalog belegt Keramikblumen an der Skulptur, nennt aber keine Pflanzenarten. Die Blüten der Erzählung dürfen daher nicht ungeprüft zur Beschreibung des Werkes werden.
Warum wird Blodeuwedd zur Eule?
Gwydion bestraft sie damit für ihr Handeln gegen Lleu. In Guests Darstellung gehören das Meiden des Tageslichts und die Feindschaft der anderen Vögel wesentlich dazu. Die Eule ausschließlich als positives Sinnbild zu verstehen, würde die Bedeutung dieser Verwandlung innerhalb der Erzählung übergehen.
Was bedeutet der Name Blodeuwedd?
Blumengesicht ist eine geläufige Übertragung. Bartrum gibt für Blodeuwedd blumenähnlich an und unterscheidet davon Blodeuedd als Sammelbezeichnung für Blüten. Die Erzählung verbindet Blodeuwedd außerdem mit einem Eulenwort. Diese Erklärungen gehören zusammen; ein erfundener Titel wie antike Frühlingsgöttin ersetzt sie nicht.
Wie deutet die Keramikskulptur die Geschichte?
Belegt ist die Verbindung einer monumentalen, mit Keramikblumen bedeckten Figur mit ihrer Eule. Diese Seite liest das Nebeneinander als moderne Antwort auf die Verwandlungen der Geschichte. Sie behauptet weder die Nachbildung eines antiken Kultbildes noch, dass diese Deutung eine Äußerung Silvia Steigers sei.
Quellen
- Das Mabinogion, übersetzt von Charlotte Guest, 1877, Math the Son of Mathonwy: Erschaffung, Ehe, Anschlag und Verwandlungen, englisch
- Peter C. Bartrum, A Welsh Classical Dictionary, Eintrag Blodeuedd, Blodeuwedd, S. 52–53, National Library of Wales: Namen und Landschaftsbezüge, englisch
- Visit Wales, Welsh myths and legends, Abschnitt Blodeuwedd: Übertragung des Namens als Blumengesicht, englisch
- Theatr Cymru, Blodeuwedd von Saunders Lewis: moderne dramatische Deutung und Aufführungsgeschichte, englisch
- Angaben zur Skulptur: atelier RHEAsilvia