Lady of Avalon II: Die Geweihkrone
25. Oktober 2026

Avalon, die Apfelinsel, liegt hinter den Nebeln der britischen Sage: ein Ort der Heilung, an dem neun Schwestern herrschen und wohin der verwundete Artus nach seiner letzten Schlacht gebracht wurde. In dieser künstlerischen Deutung ist die Lady of Avalon seine Hüterin, die Wächterin der Schwelle zwischen den Welten.
Lady of Avalon II ist mit ihrem Geweih 225 Zentimeter hoch.
Lady of Avalon II und die Geweihkrone
Die Geweihkrone steht im Mittelpunkt dieser Seite. Dabei hilft die Unterscheidung zwischen einem Motiv heutiger Kunst und einem Attribut, das ein älterer Text vorgibt. Geoffreys Avalon-Passage beschreibt die Herrscherinnen der Insel und Morgens Fähigkeiten, stattet sie aber nicht mit einem Geweih aus. Die Krone gehört hier zur gegenwärtigen künstlerischen Sprache der Skulptur. Sie lässt sich mit älteren Bildern von Menschen- und Tiergestalten in Beziehung setzen, ohne Lady of Avalon II als Rekonstruktion eines antiken Kultbilds auszugeben.
Hirschgeweih, Erneuerung und Hörner
Das Geweih selbst eröffnet einen Blick auf eine besondere Form von Veränderung. Nach Darstellung der British Deer Society besteht es aus Knochen, wächst unter einer als Bast bezeichneten Haut und wird normalerweise jedes Jahr abgeworfen und neu gebildet. Dieser Kreislauf ermöglicht eine heutige Lesart der Krone als Erneuerung durch Verlust. Die biologische Beobachtung belegt weder den Glauben einer antiken Gemeinschaft noch die beabsichtigte Bedeutung der Skulptur. Sie gibt der Betrachtung einen nachvollziehbaren Ausgangspunkt und lässt andere Zugänge offen.
Auch bei einem Kunstwerk lohnt deshalb die Unterscheidung zwischen Geweih und Hörnern. Die British Deer Society weist ausdrücklich auf diese häufige Verwechslung hin. Die Bezeichnung Geweihkrone bleibt bei der vorhandenen, von der Künstlerin bestätigten Beschreibung. Sie hilft außerdem, nicht jede gehörnte oder geweihtragende Gestalt derselben Religion zuzuordnen. Ähnliche Kopfbekrönungen können einen Vergleich anregen. Einen gemeinsamen Götternamen oder eine historische Abstammungslinie belegen sie für sich genommen nicht.
Geweihkopfschmuck aus Star Carr
Ein archäologisches Vergleichsbeispiel stammt aus Star Carr in North Yorkshire. Scarborough Museums beschreibt einen bearbeiteten Hirschschädel, der als Kopfschmuck gedeutet wird: Die Innenseite wurde geglättet, das Geweih verkürzt und der hintere Teil durchbohrt. Als mögliche Verwendungen werden Jagdtarnung und rituelle Handlungen genannt. Das sind Deutungen eines erhaltenen Gegenstands, keine Inschrift mit dem Namen einer Gottheit. Der bearbeitete Schädel zeigt, dass Menschen den Tierkopf für einen anderen Zweck umformten. Welcher Zweck es genau war, bleibt offen.
Eine experimentelle Untersuchung eines Geweihkopfschmucks aus Star Carr lenkt den Blick auf das Herstellen. Die Forschungsarbeit von 2016 verbindet die Untersuchung von Bearbeitungsspuren mit praktischen Nachbildungen und dreidimensionaler Dokumentation. Das Forschungsteam vertritt eine schamanische Deutung, die als seine Interpretation erkennbar bleiben sollte. Für heutige Betrachterinnen und Betrachter kann der Vergleich die Frage aufwerfen, wie das Tragen einer Tiergestalt das eigene Identitätsgefühl verändern könnte. Das ist eine Deutungsfrage. Die Studie stellt keine Verbindung ihres vorgeschichtlichen Fundes zu Avalon oder RHEAsilvia her.
Cernunnos und das Geweihmotiv
Ein weiterer Vergleich führt zur Forschung über Cernunnos. In seinem wissenschaftlichen Aufsatz zum Pariser Relief bespricht Hugues Vertet den erhaltenen Oberkörper und das Geweih, an dem herabhängende Schmuckstücke beschrieben wurden. Er untersucht umstrittene Einzelheiten des Kopfes, statt jedes Bildelement als unmittelbar verständlich vorauszusetzen. Der Vergleich ist hier aufschlussreich, weil er zeigt, wie genau selbst eine geweihtragende Darstellung gelesen werden muss. Das gemeinsame Motiv macht die heutige Lady nicht mit Cernunnos identisch.
Avalon, Archäologie und heutige Deutung
Diese Vergleiche haben unterschiedliche Grenzen. Ein bearbeiteter Schädel, ein archäologisch untersuchtes Relief und ein mittelalterliches Gedicht beantworten nicht dieselben Fragen. Der eine Gegenstand bewahrt Herstellungsspuren, der andere ein Bild mit umstrittenen Einzelheiten; Geoffrey bietet benannte literarische Figuren und Handlungen. Werden diese Zeugnisse auseinandergehalten, lassen sich Ähnlichkeiten wahrnehmen, ohne eine lückenlose Tradition zu erfinden. Lady of Avalon II kann als heutiges Kunstwerk an diesem Gespräch teilnehmen. Ihr Name und ihre Krone führen verschiedene Bezugspunkte zusammen.
Häufige Fragen
Wie hoch ist Lady of Avalon II?
225 cm mit Geweih, in drei Teilen aufgebaut.
Worin unterscheidet sich Lady of Avalon II von Lady of Avalon I?
Es sind zwei eigene Werke. Lady of Avalon I, 180 cm mit Geweih, entstand für den Goddess Temple in Glastonbury. Lady of Avalon II ist die größere, 225 cm mit Geweih.
Beschreibt Geoffrey eine Lady of Avalon mit Geweihkrone?
Nicht in der hier untersuchten Passage der Vita Merlini. Sie nennt Morgen und schildert ihre Fähigkeiten, gibt ihr aber keine Geweihkrone. Das Geweih von Lady of Avalon II gehört zur modernen künstlerischen Interpretation. Diese Unterscheidung lässt dem Werk die Freiheit, auf die Sage zu antworten.
Belegen die Kopfschmuckfunde von Star Carr einen alten Kult der Lady of Avalon?
Die zitierte Museumsdarstellung und die Forschungsarbeit stellen eine solche Verbindung nicht her. Sie untersuchen bearbeitete Hirschschädel, ihre Herstellung und mögliche Verwendungen. Jagdtarnung und rituelle Deutungen beziehen sich auf diese Funde. Sie Lady of Avalon zu nennen, würde eine Bestimmung hinzufügen, die aus den Belegen nicht hervorgeht.
Bedeutet die Krone, dass Lady of Avalon II Cernunnos ist?
Ein gemeinsames Motiv reicht für diese Gleichsetzung nicht aus. Vertets Aufsatz behandelt das Pariser Cernunnos-Bild und umstrittene Einzelheiten seines Kopfes. Lady of Avalon II ist das eigenständige heutige Werk unter dem von der Künstlerin gegebenen Namen. Ein Vergleich kann das Motiv erhellen, ohne die Gestalten miteinander zu verschmelzen.
Zur Skulptur: Lady of Avalon II
Quellen
- Geoffrey of Monmouth, Vita Merlini (um 1150), Verse 908–940 mit englischer Übersetzung (Camelot Project, University of Rochester)
- Geoffrey of Monmouth, Historia Regum Britanniae (um 1136), Auszüge: Caliburn, auf der Insel Avalon geschmiedet (Camelot Project, englisch)
- Avalon: Geoffreys Historia Regum Britanniae, Glastonbury und der Name (Wikipedia, englisch)
- Glastonbury Goddess Temple, Geschichte des Tempels (englisch)
- Angaben zur Skulptur: atelier RHEAsilvia
- British Deer Society, Geweih und Hörner, Wachstum und jährlicher Wechsel
- Scarborough Museums and Galleries, Geweihkopfschmuck aus Star Carr, Objektbeschreibung und Deutungen
- Aimée Little und Mitautorinnen und Mitautoren, experimentelle Untersuchung eines Geweihkopfschmucks aus Star Carr, PLOS ONE, 2016
- Hugues Vertet, Untersuchung zum Pariser Cernunnos-Relief, französischer Fachaufsatz, insbesondere Seite 165