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Cerridwen: Der Kessel und Taliesin

25. Oktober 2026

Keramikskulptur Cerridwen von RHEAsilvia

Cerridwens Geschichte ist die Sage von Taliesin (Hanes Taliesin). Laut Forschungsüberblick ist sie zuerst in einer Handschrift von Elis Gruffydd aus dem 16. Jahrhundert belegt. In der englischen Übersetzung von Lady Charlotte Guest aus dem Jahr 1877 ist Cerridwen die Frau von Tegid Voel, der mitten im See Tegid in Penllyn wohnt, im Norden von Wales. Ihr Sohn Avagddu ist der hässlichste Mann der Welt. Darum beschließt Cerridwen, nach den Künsten der Bücher der Fferyllt einen Kessel der Inspiration und des Wissens für ihn zu kochen. Ein Jahr und einen Tag lang darf er nicht aufhören zu sieden.

Gwion Bach und die Verwandlungsjagd

Gwion Bach rührt den Kessel, ein blinder Mann namens Morda schürt das Feuer. Gegen Ende des Jahres springen drei Tropfen heraus und fallen auf Gwions Finger. Er steckt den Finger in den Mund und sieht alles voraus, was kommen wird. Es folgt eine Jagd in wechselnden Gestalten: Er wird zum Hasen, sie zur Windhündin; er zum Fisch, sie zum Fischotter; er zum Vogel, sie zum Habicht; er zum Weizenkorn, sie zur schwarzen Henne, und sie verschluckt ihn. Neun Monate trägt sie ihn aus. Nach der Geburt bringt sie es wegen seiner Schönheit nicht über sich, ihn zu töten, und wirft ihn in einem Ledersack ins Meer. Am Fischwehr des Gwyddno wird der Sack gefunden. „Seht, eine strahlende Stirn!“, ruft der Mann, der ihn öffnet, und Elphin nennt das Kind Taliesin.

Cerridwens Kessel und Awen

In der mittelalterlichen walisischen Überlieferung ist Cerridwen eine Zauberin. Schon Dichter des 12. und 13. Jahrhunderts nennen ihren Kessel als Quelle der dichterischen Inspiration, walisisch awen, und in der Sage sagt Taliesin selbst, er habe die Muse aus dem Kessel der Caridwen empfangen. Seit dem 19. Jahrhundert deuten viele Autoren sie als Göttin; der Historiker Ronald Hutton hält das laut Forschungsüberblick für eine spekulative Rückprojektion. In dieser künstlerischen Deutung ist Cerridwen die Göttin der Verwandlung: die dunkle Zeit im Kessel vor dem Wandel und der Preis der Weisheit.

Die drei Tropfen und der giftige Trank

Der Inhalt des Kessels ist gefährlicher als ein bloßes Geschenk der Weisheit. In Guests Fassung tragen nur drei Tropfen die Inspiration in sich, die übrige Flüssigkeit ist giftig. Als der Kessel zerbricht, gelangt sie in einen Bach und tötet Gwyddnos Pferde. Erkenntnis und Schaden gehen aus derselben Zubereitung hervor. In einer heutigen Lesart erhält der Kessel dadurch eine schärfere Bedeutung als die eines unbeschwerten Sinnbilds der Fülle: Das erhoffte Ergebnis lässt sich von der Gefahr ringsum nicht trennen.

Cerridwen, Morda und die Arbeit am Kessel

Auch Cerridwen arbeitet, während die anderen den Kessel versorgen. Guest beschreibt, wie sie nach gelehrten Büchern zu bestimmten Planetenstunden Kräuter sammelt. Gwion rührt, Morda hält das Feuer in Gang. Die Arbeit ist auf drei Personen verteilt, Cerridwen leitet das Vorhaben. Diese Einzelheiten gehören zur jeweiligen literarischen Fassung. Sie liefern weder ein verlässliches heutiges Rezept noch eine Liste von Opfergaben oder eine Anleitung, Cerridwen anzurufen. Die lange Vorbereitung macht vielmehr den Verlust eines ganzen Arbeitsjahres spürbar.

Dieser Verlust führt zu einem verstörenden Irrtum. Cerridwen schlägt Morda, ehe sie seinen Einwand anerkennt, dass ihn keine Schuld trifft. Die Szene widerspricht dem sanften Bild einer fürsorglichen Mutter: Ihr Vorhaben beginnt mit der Sorge um die Zukunft ihres Sohnes, doch ihr Zorn trifft jemanden, der die Tropfen nicht genommen hat. Eine moderne Deutung kann hier Fürsorge, Besitzanspruch und fehlgeleitete Gewalt nebeneinander stehen lassen. Diese Widersprüche müssen nicht zu einer tröstlichen Geschichte persönlicher Entwicklung geglättet werden.

Taliesins Dichtkunst und die Handschriften

Die Erzählung verfolgt die Inspiration auch über die Verwandlungsjagd hinaus. Schon als Säugling tröstet Taliesin Elphin mit Versen und verspricht, ihm mehr zu nützen als ein Fang voller Lachse. Später tritt seine Dichtkunst der Macht an Maelgwns Hof entgegen. Aus dem Kessel geht somit ein sprechender Dichter hervor, dessen Worte in der Welt etwas bewirken. Wer awen durch diese Szenen betrachtet, entdeckt neben Verschlucken und Wiedergeburt auch Sprache, Vortrag und das Verhältnis zwischen Dichter und Förderer.

Der Blick auf die Handschrift hält diesen literarischen Zusammenhang offen. Die National Library of Wales führt das Buch von Taliesin als Peniarth MS 2 und verweist auf einheimische walisische Überlieferung ebenso wie auf lateinische Gelehrsamkeit in seinen Gedichten. Die Sammlung enthält neben Preisdichtung auch Artusstoff. Diese unterschiedlichen Texte erklären, weshalb der Name Taliesin im ganzen Band nicht ohne Weiteres für einen einzigen Verfasser oder eine einzige historische Epoche stehen kann. Der Kessel gehört zu einem literarischen Erbe, das sich verändert hat.

Für die Prosaerzählung unterscheidet Peter Bartrums Welsh Classical Dictionary zwischen Elis Gruffydds Fassung und Guests Rekonstruktion. Es nennt unter anderem Abweichungen beim Behältnis des Kindes und bei dessen Entdeckung. Die Nationalbibliothek datiert den Abschluss von Gruffudds Weltchronik auf etwa 1552. Das sind Anhaltspunkte für die Überlieferung, keine Entstehungsdaten sämtlicher Bestandteile von Cerridwens Geschichte. Deshalb sollte eine Nacherzählung ihre Fassung benennen, statt alle erhaltenen Einzelheiten als ursprüngliche Einheit darzustellen.

Häufige Fragen

Was bedeutet der Name Cerridwen?

Das ist nicht geklärt. Mittelalterliche Handschriften schreiben den Namen Kyrridven, Kerrituen und ähnlich. Die Endung lautet meist -fen, von einem alten Wort ben, „Frau“; die vertraute Endung -wen, „schön“, beruht auf einer Verwechslung der Schreibweisen. Ifor Williams las den Namen als „Frau mit krummem Rücken“, Marged Haycock schlägt andere Deutungen vor, darunter „Frau, an die man glaubt“. Diese Zusammenfassung folgt dem unten genannten Forschungsüberblick.

Ist Cerridwen eine keltische Göttin?

In der mittelalterlichen walisischen Überlieferung erscheint sie als Zauberin, die den Kessel der Inspiration hütet. Seit dem 19. Jahrhundert sehen viele Autoren und heutige Heiden in ihr eine keltische Göttin der Wiedergeburt, der Verwandlung und der Inspiration. Historiker wie Ronald Hutton halten dieses Bild für eine moderne Deutung.

Wer ist Taliesin?

In der Sage ist Taliesin der wiedergeborene Gwion Bach, den Cerridwen zur Welt bringt. Der Name gehört auch einem Dichter des 6. Jahrhunderts, dem viele Gedichte im Buch von Taliesin zugeschrieben werden. Diese Handschrift stammt aus dem 14. Jahrhundert und erwähnt bereits den Kessel der Ceridwen.

Warum zerbricht Cerridwens Kessel?

Guest verbindet das Zerbrechen mit der giftigen Flüssigkeit, die nach dem Entweichen der drei wirksamen Tropfen zurückbleibt. Sie gelangt in einen Bach und tötet flussabwärts Pferde. Der Kessel ist in dieser Fassung also keine bloß unerschöpfliche Nahrungsquelle. Seine Gefährlichkeit gehört zur Geschichte.

Beschreibt die Taliesin-Sage Opfergaben oder Kristalle für Cerridwen?

Guests Schilderung der Vorbereitung nennt Bücher, Kräuter, Feuer und den siedenden Kessel. Sie schreibt weder Kristalle noch eine religiöse Praxis mit Opfergaben vor. Heutige spirituelle Zuordnungen sollten als solche benannt und gesondert belegt werden, statt sie dieser Textstelle zuzuschreiben.

Ist Cerridwens Kessel derselbe wie der Kessel der Artusfahrt im Buch von Taliesin?

Die Nationalbibliothek beschreibt Preiddeu Annwfn als Artusfahrt, bei der ein Speer und ein Kessel gewonnen werden sollen. Guests Prosaerzählung handelt dagegen von Inspiration, die für Cerridwens Sohn bestimmt ist. Das sind verschiedene Textzusammenhänge. Das gemeinsame Gefäßmotiv belegt nicht, dass derselbe Gegenstand gemeint ist.

Zur Skulptur: Cerridwen

Quellen