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Moderne literarische Mythologie

Weiße Göttin

Handaufgebaute Keramik

Die Weiße Göttin gehört zunächst zur Vorstellungswelt eines modernen Dichters. Robert Graves veröffentlichte The White Goddess: A Historical Grammar of Poetic Myth im Jahr 1948. Der Untertitel verspricht einen Zugang zur Sprache hinter den Mythen. Die zentrale Gestalt verbindet Dichtung, Begehren, Geburt und Tod in einer weiblichen göttlichen Gegenwart. Sie ist Graves’ literarische Zusammenschau und keine wiederentdeckte Lebensgeschichte einer einzelnen antiken Gottheit. Mit dieser Unterscheidung lässt sich auch Silvia Steigers Weiße Göttin betrachten: Der Titel behält seine Vorstellungskraft, während die Geschichte der Idee sichtbar bleibt.

Hier bezeichnet Weiße Göttin den Titel von Graves’ moderner dichterischer Zusammenschau, nicht den Namen einer einzelnen antiken Göttin, deren Identität und Kult sein Buch zuverlässig rekonstruiert. Besonders das Wort „weiß“ lässt sich nicht einfach mit Unschuld gleichsetzen. Robert A. Davis verfolgt in seiner Untersuchung zu Graves die widersprüchlichen Verbindungen zu Strahlen, Schnee, Eis, Geisterhaftigkeit und Verlust. So gelesen hält der Titel Anziehung und Unbehagen zusammen. Die Farbe kann eine überwältigende Gegenwart ebenso andeuten wie den Ort, an dem eine Gegenwart verschwunden ist. Das sind Bedeutungen in Graves’ Schreiben und seiner Rezeption, keine Beschreibungen der keramischen Oberfläche.

Auch der Untertitel verlangt Aufmerksamkeit. Eine Grammatik erklärt gewöhnlich das Funktionieren von Sprache. Hier entwirft sie Entsprechungen, durch die Gedichte und Mythen einander verständlich werden sollen. Selma Karayalçın beschreibt in ihrer Untersuchung eine Theorie, nach der dichterische Inspiration vom Glauben an die Göttin abhängt, eingebettet in eine angenommene frühe Gesellschaft mit Frauen im Mittelpunkt. Sie betont, dass eine solche vorgeschichtliche Gesellschaftsordnung unbewiesen bleibt. Das Buch lässt sich deshalb als weitreichende Überlegung zur Inspiration lesen, ohne seine Rekonstruktion europäischer Religion als historische Tatsache zu übernehmen.

Einige Ausgangspunkte des Buches liegen in der walisischen Literatur. Das Inhaltsverzeichnis führt von der Schlacht der Bäume zu Gwions Rätsel und zu Kapiteln über ein Baumalphabet. Diese Abfolge ist aufschlussreich: Ein Gedicht, eine rätselhafte Sprecherstimme und die Ordnung von Buchstaben werden Teil derselben Deutungsarbeit. Die Bibliografie des Robert-Graves-Projekts dokumentiert diesen Aufbau bereits für die Erstausgabe. Sie zeigt die Spannweite der Untersuchung. Ein Inhaltsverzeichnis bestätigt jedoch kein angenommenes antikes System. Die Verbindungen bleiben Bestandteile von Graves’ Argumentation.

Das gilt ebenso für die vielen Namen, die seine Göttin aufnimmt. Karayalçın untersucht, wie Graves’ Theorie der Dichtung seinen Umgang mit überliefertem Material prägt, auch in Prosa und Übersetzungen. Eine moderne Zusammenschau kann unterschiedliche Geschichten miteinander ins Gespräch bringen. Ihre jeweiligen Ursprünge bleiben dennoch verschieden. Auf dieser Seite wird die Weiße Göttin deshalb als Gestalt verstanden, die durch Deutung entsteht. Ihre scheinbare Einheit erzählt von der Suche des Autors nach einer Quelle der Dichtung. Sie beweist für sich genommen nicht, dass frühere Gläubige dieselbe Gottheit erkannten.

Das Gedicht The White Goddess macht aus dieser Suche eine Reise. Seine Sprecher verfolgen die ersehnte Gestalt durch ferne, bedrohliche Gegenden, darunter Vulkanhöhen und Packeis. Eine behagliche Heimkehr bietet diese Landschaft nicht. Bei genauer Lektüre lässt sich die Bewegung als Verlassen gewöhnlicher Gewissheit verstehen; zugleich hält der Schluss die Möglichkeit weiterer Verletzung offen. Es ist eine literarische Begegnung mit einer gefährlichen Muse. Die Reise und ihre Schauplätze sollten weder als belegte Pilgerroute noch als Karte antiker Heiligtümer gelesen werden.

Die Muse wirft auch eine Frage nach Macht auf. In David Constantines Lektüre stehen bei Graves Liebe und Schrecken immer wieder nebeneinander: Der Dichter begehrt die Gestalt, die ihm zugleich Leid zufügen kann. Constantine widerspricht der Beschränkung dichterischer Wahrheit auf gerade diese Erfahrung. Seine Kritik ermöglicht Bewunderung für die Intensität der Gedichte und zugleich Widerspruch gegen deren ausschließliche Erklärung von Inspiration. Ein göttliches Bild kann berühren, ohne als vollständige Erklärung von Kreativität oder von Beziehungen zwischen Frauen und Männern angenommen zu werden.

Anne Mounic setzt einen anderen Schwerpunkt. Ihr Essay betrachtet Graves’ Mondbilder im Zusammenhang mit Wandel, Vergehen und erneutem Leben. Sie liest das Werk als Versuch, Erfahrung eine sinnvolle Form zu geben. In dieser Deutung ermöglicht der Mythos, Konflikte zu durchdenken. Der Mond eignet sich dafür, weil er sich sichtbar verändert und wiederkehrt. Auch das bleibt die Lesart einer Kritikerin zu einem modernen Schriftsteller. Sie eröffnet einen Wortschatz für Verwandlung in der Literatur, ohne eine gemeinsame Mondreligion der von Graves herangezogenen Gesellschaften zu beweisen.

Die weitere Rezeption gehört zur Geschichte moderner Vorstellungen von Göttinnen. Ronald Hutton verfolgt, wie Mond, Erde und eine umfassende weibliche Gottheit in Literatur und Forschung des 19. Jahrhunderts zusammenfinden, und ordnet Graves in diese Entwicklung ein. Er erläutert auch, wie archäologische Gewissheit über eine allgemeine vorgeschichtliche Göttin später größerer Unsicherheit wich. Diese Geschichte ist hier wesentlich: Ein starkes modernes Bild kann prägen, was Menschen in der Vergangenheit zu finden erwarten. Sein Einfluss belegt kulturelle Bedeutung. Historische und archäologische Behauptungen benötigen weiterhin eigenständige Belege.

Das anhaltende literarische Interesse zeigt sich in Fran Breartons Vortrag für die British Academy. Die veröffentlichte Zusammenfassung verortet das Werk zwischen Literaturwissenschaft, Anthropologie und Keltologie. Sie beschreibt es zugleich als Hilfe und Hindernis für den Zugang zu Graves. Diese doppelte Reaktion passt zu einem Buch, dessen Verknüpfungen einen Dichter erhellen und historische Fragen erschweren können. Die Zusammenfassung ersetzt dabei nicht den vollständigen Vortrag. Schon sie dokumentiert jedoch eine ernsthafte kritische Auseinandersetzung und keine vorbehaltlose Bestätigung der Buchthese.

Die Weiße Göttin gelangte auch auf die Bühne. Die Graves-Bibliografie verzeichnet für 1983 ein auf dem Buch beruhendes Ballett in Covent Garden. Richard Hudsons berufliches Werkverzeichnis nennt für dasselbe Jahr The White Goddess an der Royal Ballet School. Damit ist eine konkrete Rezeption jenseits der Buchseite belegt, allerdings keine Verbindung zu Steigers Skulptur. Als heutige redaktionelle Überlegung macht der Übergang einer literarischen Gestalt in den Tanz den Vorgang der Verkörperung besonders deutlich: Kunstschaffende wählen eine Form, durch die eine schwer greifbare Vorstellung erfahrbar wird.

Silvia Steigers Weiße Göttin ist eine moderne künstlerische Interpretation: eine monumentale geflügelte Keramikfigur, 180 Zentimeter hoch, in drei Teilen aufgebaut und zweimal gebrannt. Die Flügel nennt der Katalog. Sie müssen weder als zwingendes Attribut aus Graves’ Werk noch als Rekonstruktion eines antiken Bildes verstanden werden. In der hier vorgeschlagenen Lesart bietet die Skulptur einen Ort der Aufmerksamkeit für die Spannung zwischen Gegenwart und Geheimnis, die der literarische Titel eröffnet. Die Künstlerin selbst nennt Graves’ Buch als Inspiration für diese Skulptur.

Die Skulptur

Höhe
180 cm
Aufbau
Von Hand aufgebaut, drei Teile
Brand
Zweimal gebrannt
Material
Keramik

Mehr dazu im Journal: Göttinnen-Skulpturen: Bedeutung und Material

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Fragen zu ihr

Wer ist die Weiße Göttin?

Bei Robert Graves ist sie eine moderne literarische Zusammenschau, die nach dem göttlichen Ursprung von Dichtung fragt. Das Buch von 1948 verbindet Material mehrerer Überlieferungen. Diese Zusammenschau ist von einzelnen antiken Göttinnen zu unterscheiden, auch wenn sich deren Namen ebenfalls mit Weiße Göttin übersetzen lassen.

Warum heißt sie weiß?

Der Titel beschreibt. Davis findet bei Graves Verbindungen des Weißen zu Strahlen, aber auch zu Eis, Abwesenheit und Tod. Es bedeutet daher mehr als eine beruhigende Vorstellung von Reinheit. Diese literarischen Bezüge bestimmen weder die Farbe noch die Oberfläche von Steigers Skulptur.

Ist The White Goddess verlässliche Altertumsgeschichte?

Das Buch sollte kritisch als modernes Werk der Mythenbildung und Dichtungstheorie gelesen werden. Karayalçın unterscheidet seine Annahmen über vorgeschichtliche Gesellschaft von belegter Geschichte. Hutton verortet die umfassende moderne Göttin in Literatur und Forschung. Eine anregende Argumentation liefert keinen unabhängigen Nachweis für ihre eigene Rekonstruktion.

Ist die Weiße Göttin einfach eine dreifache Göttin?

Dreifachheit gehört zu Graves’ System; das Inhaltsverzeichnis der Erstausgabe enthält das Kapitel The Triple Muse. Daraus sollte kein allgemeiner Schlüssel für jede Gruppe dreier weiblicher Gestalten werden. Das literarische System und die Belege für eine bestimmte antike Gruppe sind jeweils gesondert zu betrachten.

Wie hängt die Skulptur mit dem Buch zusammen?

Unmittelbar: Silvia Steiger nennt Graves’ Buch „Die weiße Göttin“ als das Werk, das sie zu dieser Skulptur inspiriert hat. Das Atelier bezeichnet sie als monumentale geflügelte Keramikfigur.

Quellen